Motion Bank Workshop Nr.1

DANCE & DATA:

MIXING SCORES, SENSES, TOOLS AND REFLECTION

26. bis 30. April 2011 im Frankfurt LAB. Der erste Workshop der Reihe zielte darauf ab, mit Tools und Systemen zur Erstellung von Partituren und zur Notation, Erarbeitung und Dokumentation von Tanz bekannt zu machen. Folgende Praktiker wurden eingeladen, Workshops zu geben: Die in Paris ansässige Choreographin Myriam Gourfink, der Videokünstler Philip Bussmann, das Performance Collective BadCo. aus Zagreb sowie Ana Vujanović und Petra Sabisch von Everybody’s

Teilnehmer des Workshops von BadCo. Foto: Jessica Schäfer

Everybody's and Walking Theory Propose/Modes of Production:

Games & Discussions

Der Workshop mit Petra Sabisch und Ana Vujanović ergab sich aus der Begegnung der beiden Plattformen Everybody's und Walking Theory. Erforscht wurde die Nutzung von Spiel und Diskussion als Produktionsweise auf dem Gebiet der Performance – durch Analyse, Problematisierung und Systematisierung dieser praktischen Ansätze mit dem Ziel, über die Erfindung neuer Formen des Probierens und/oder Produzierens zu reflektieren. Der Workshop wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Universität Gießen organisiert.

Ana Vujanović und Teilnehmerinnen. Foto: Jessica Schäfer 

Whatever Dance Toolbox

Im Zentrum dieses Workshops mit Tomislav Medak und Nikolina Pristaš von BADco. stand Whatever Dance Toolbox (WDT), ein frei zugängliches Softwarepaket aus Tools, mit deren Hilfe Choreographie hervorgebracht, analysiert, entwickelt und geprobt werden kann. WDT ist das Produkt einer langjährigen, forschungsorientierten Zusammenarbeit zwischen BADco. und dem deutschen Mensch-Maschine-Interface-Entwickler und Künstler Daniel Turing, bei der es um die Interaktion zwischen Computer und Tänzer geht. Die Tools verwenden verschiedene Arten visueller Analyse wie Verzögerung, Rückwärtswiedergabe, Jitter und Zeitlupenfunktionen zusammen mit einer Langbelichtungsfunktion, sodass Tänzer und Choreographen ihre Bewegungsentscheidungen und -beziehungen studieren, verfeinern und bereichern können. Gewöhnung an die Arbeit in einem technologisch bestimmten Umfeld, ein Begriff von der „Sicht“ der Maschine auf Raum und Bewegung, Arbeit mit geteilter Aufmerksamkeit, Annäherung an Improvisation mit Mitteln der Montage, das Erlernen der Anwendung von Technologie bei der Analyse von Tanz und bei der Herstellung von Veränderungen in der Qualität der Bewegung, die Neuerfindung der Qualität von Beziehungen zu anderen Körpern im Raum – all das gehört zu den Erfahrungen, die jeder Teilnehmer bei der Anwendung von WDT machte.

Teilnehmerinnen am Workshop mit BadCo.. Foto: Jessica Schäfer

Language

Dieser Workshop mit Myriam Gourfink beruhte auf ihrer Herangehensweise an Choreographie, die auf eine genaue, von Rudolf Laban inspirierte Art des Schreibens zurückgreift (siehe Gourfinks Artikel aus dem Jahr 2008). Laban hatte der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein Notationssystem entwickelt, die Labanotation. Myriam Gourfinks Herangehensweise an die Notation beruht auf Yoga und Atemtechnik und „schreibt den lebendigen Prozess in eine geradezu hypnotisch verlangsamte Raum-Zeit ein“. In diesem Workshop erkundeten die Teilnehmenden die Verbindung zwischen Gewicht, Atem und Notation. Sowohl Gewicht als auch Atem stellen die Frage nach den Pre-Movements, die aus unseren verborgensten und tiefsten motorischen Ressourcen kommen. Die ständige Interaktion dieser Daten (Gewicht/Atem) verursacht eine Art allgemeines „Sweeping“, und zwar gleichermaßen im Körper wie im ihn umgebenden Raum. Die Qualität der Konzentration, die aus dem Bewusstsein von jeder seelischen und körperlichen Bewegung herrührt, der persönliche innere Aufruhr des Performers und der Moment an sich – all dem möchte sich Myriam Gourfink mithilfe ihrer formalisierten Sprache beziehungsweise ihres Notationssystems nähern. Die Teilnehmenden vertieften zunächst ihr Bewusstsein von den genannten tiefen motorischen Ressourcen und erkundeten dann, wie sie mit diesem formalen System des Schreibens in Verbindung gebracht werden können.

Myriam Gourfink (bei der Veranschaulichung) und Workshop-Teilnehmerin. Foto: Jessica Schäfer

Technology and Technique:

Documenting Dance

Der Workshop mit Philip Bussmann erwuchs aus dessen eigener künstlerischer Praxis und nutzte die Videokamera als bewährtes Handwerkszeug von Theaterprofis bei der Aufzeichnung von Proben und Vorstellungen. Improvisationen werden gefilmt, Durchläufe analysiert und bearbeitet, Aufführungen für Wiederaufnahmen und zu Archivzwecken dokumentiert. In diesem Workshop wurden Möglichkeiten, Schwächen und Herausforderungen untersucht, mit denen man konfrontiert ist, wenn man Tanz mit „traditionellen“, nicht-interaktiven Videotechnologien und -techniken dokumentiert und diese Dokumentationen zu eigenständigen künstlerischen Werken macht.

Philip Bussman, Martin Streit & Amin Weber. Foto: Jessica Schäfer

Über choreografische Organisation

Der erste Salon innerhalb der Workshop-Reihe widmete sich einem Vortrag von Prof. Wolf Singer vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung über die Frage, inwiefern Modelle der Neurowissenschaft Aufschluss über die Kreation von Performance und Choreographie geben können. Sein Vortrag war an die Arbeitstreffen der interdisziplinären Forschungsgruppe Dance Engaging Science gekoppelt.

Ebenfalls im Kontext des Workshops fand das zweite Biennale Treffen der International Education Workgroup statt. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe berichteten über die Fortschritte individueller Projekte in Amsterdam, Frankfurt am Main und Berlin.

Wolf Singer. Foto: Jessica Schäfer

Video-Impression: Workshop „Everybody's and Walking Theory Propose / Modes of Production: Games & Discussions“ mit Ana Vujanović und Petra Sabisch

Video: Anna Berger

Video-Impression: Workshop „Whatever Dance Toolbox“ mit Tomislav Medak und Nikolina Pristaš

Video: Anna Berger

Embedded Vlogger

Marlon Barrios Solano, Produzent von Dance-Tech.Net, hat als „Embedded_Vlogger“ am Motion Bank Workshop No. 1 teilgenommen. Rechts das Interview, das er mit Petra Sabisch und Ana Vujanović aufgezeichnet hat. Darüber hinaus hat Marlon Interviews mit Myriam Gourfink (in französischer Sprache) und Scott deLahunta aufgezeichnet.